Dialog über das "Ich"-Gefühl

 

Von vielen Autisten wird berichtet, dass sie kein wirkliches 'Ich-Gefühl' hätten. Woran wird dies bemerkt?

 

M: Zunächst beobachten wir bei Autisten, dass da etwas "anders" ist. Aber was ist da "anders" und ist das etwas, was mit einem Ich-Gefühl zu tun hat? Klar scheint nur zu sein, dass die Perspektive der Wahrnehmung eine andere ist. 'Wahrnehmung' aber hat direkt etwas mit dem Gefühl von Identität/Personalität zu tun, - viele schwierige Begriffe...

 

S: Meine Ich-geprägten Impulse gehen vorrangig von meinen Bedürfnissen aus. Wenn ich mit Klienten gearbeitet habe, habe ich häufig erlebt, dass manche Bedürfnisse gar nicht wahrgenommen oder manchmal vielleicht auch nur nicht geäußert werden. Aus meiner Perspektive (vor dem Hintergrund meiner Ausbildung) stellt die Ausgangsituation eines fehlenden Ich-Erlebens, wenn dies denn so ist (und das fände ich spannend hier näher zu diskutieren), einen wesentlichen Teil des unterschiedlichen Erlebens und Reagierens im Alltag aus, der nicht leicht zu fassen ist.

 

Aber woher kommen 'Ich-Impulse' und wie unterscheiden sich Impulse, die von einem 'Ich-Erleben' gesteuert sind von Impulsen, die ohne dieses klare 'Ich-Erleben' gesteuert sind?

 

S: Meine Einschätzung an dieser Stelle ist, dass Impulse IMMER von einem Bedürfnis herrühren (bzw. instinktivem Drang), weil durch sie auf ganz grundlegender Ebene das eigene Überleben gesichert wird und sie zunächst auch genau diese Funktion haben. Wenn es jedoch (noch) kein 'Ich-Erleben' gibt, dann sind die Impulse, die zu beobachten sind und die sich vermutlich vollständig ohne bewusste Steuerung umsetzen, eventuell die Fährte auf der man zu dem bereits existierenden "Ich" finden könnte. Welches jedoch wahrscheinlich nur wenig bis kaum/gar nicht entwickelt ist. Und dann wäre die Frage, wie und was fördert diese Entwicklung.

 

M: Ein Impuls hin zu etwas, also: etwas zu wollen oder nicht zu wollen, setzt ja voraus, dass vorher auf der Ebene der Wahrnehmung etwas "funktioniert" hat, was zu diesem Impuls führt. Ich fürchte, dass (hier spreche ich aus eigener Betroffenheit), da bei Autisten so Einiges zumindest ganz anders "funktioniert" hat und dieses Andere wiederum dazu führt, dass wir es hier nicht mit den "normalen" Impulsen des Wollens und der Bedürfnisbefriedigung zu tun haben. Weil solche normalen Impulse voraussetzen würden, dass auf einer sehr frühen Ebene eine Informationsverarbeitung stattfinden konnte, die die Wahrnehmung dazu führt, zu wissen, was ein 'EIGENES BEDÜRFNIS' im Sinne dessen, was als "normal" gilt, ist.

 

S: Kannst du Beispiele geben für Impulse, so wie du sie aus autistischer Perspektive wahrnimmst?

 

M: Ich glaube, dass mit entscheidend an autistischer Wahrnehmung (so wie ich sie jedenfalls erlebe) ein Impuls des 'spezifischen Abwendens', des 'Wegdrehens' der Wahrnehmung ist, einer eigenen Wahrnehmung, die vermutlich auf ganz früher Stelle überfordert war oder jedenfalls nicht in der Lage, Informationen so zu verarbeiten, dass ein einfaches 'Hinwenden zu' möglich wäre. Daraus resultieren dann Impulse des "Handelns" oder "Wollens", die sich von der überfordernden Umwelt abwenden. Ich glaube nicht, dass das bereits Ich-Impulse sind, sondern es sind Schutz-Impulse vor Überflutung.

 

S: Das finde ich sehr spannend. Denn das kann ich wiederfinden in meinen Beobachtungen und ich würde sagen, dass genau diese Schutzimpulse auch 'Ich-Impulse' sind, weil sie ein "Ich" schützen, was vermutlich nicht als "Ich" erlebt wird, weil es noch viel zu wenig ausgeprägt und entwickelt ist.

Und ein noch etwas ergänzender Gedanke an dieser Stelle: es macht unter Umständen auch Sinn bei Bedürfnissen eine Unterscheidung zwischen instinktgetriebenen Bedürfnissen und weiter entwickelten Bedürfnissen (hierfür habe ich gerade keinen Namen) zu unterscheiden. Die instinkt-getriebenen Bedürfnisse sind immer mit der direkten Überlebenssicherung verknüpft. Es gibt aber auch andere Bedürfnisse, wie zum Beispiel einen Spaziergang am Meer machen zu wollen, um ihn und die Natur zu genießen oder sich Bewegung zu verschaffen oder ein Eis essen zu wollen. Diese Bedürfnisse sind weniger instinkt-getrieben, sondern eher mit meinem persönlichen Wohlbefinden verknüpft und von Emotionen angetrieben. Und für diese Art von Bedürfnissen braucht es vermutlich ein 'mehr' an 'Ich-Identität' als für rein instinktive Bedürfnisse, die biologisch in uns angelegt sind.

 

Aber was könnte eine (reife) 'Ich-Identität' ausmachen? Was ist ein "Ich"?

 

M: Ich vermute, ein "Ich" bildet sich, neben dem Erleben einer realen Bedürfnisbefriedigung, welches dann wiederum zu einem 'Wollen' weiterer Bedürfnisbefriedigung führt, auch dadurch heraus, dass schon zu einem frühen Zeitpunkt (den wir später diskutieren müssen), so etwas wie ein natürliches Grenzgefühl zur Mutter entwickelt wird. Das Kleinkind beginnt zu registrieren, dass der eigene Erlebensraum von dem der Mutter unterschieden ist und das gerade durch diese Unterscheidung eine 'ich-gesteuerte' Bedürfnisbefriedigung möglich wird. Dieses Gefühl des unterschiedenen Raumes setzt schon vor dem Spracherwerb ein (dies kann ich nur vermuten). Es ist wohl eine Art 'Instinkt', der dem neu heran wachsenden Wesen zu Teil wird, wenn diese Abgrenzung zum "Muttertier" informativ möglich ist.

 

S: Was meinst du mit informativ möglich?  Und – hier bin ich keine Spezialistin, sondern verfüge nur über laienhafte Information: die Phase der Abgrenzung im Sinne von Erleben, dass man getrennt von der Mutter existiert, findet (m.E.) sicher weit vor der Sprachentwicklung statt .

 

Meine momentane Einschätzung zu dem Punkt ist, dass es so etwas wie eine 'Kern-Identität' gibt, die zunächst überhaupt eine 'Ich-Wahr-nehmung' ermöglicht. (Dies lässt sich wiederfinden in der Davis-Theorie). Diese Kernidentität entwickelt sich früh und ist für eine erfolgreiche Entwicklung auf das aller Empfindlichste auf Schutz angewiesen, um sich überhaupt bilden zu können und extrem störanfällig. Ist sie entwickelt, dann folgen daraus klar erlebte 'Ich-Impulse', die die Entwicklung einer Identität weiter anhand von Bedürfnissen vorantreiben, durch die verschiedenen Phasen der kindlichen Entwicklung hindurch.

 

M: Wobei klar zu sein scheint, dass es unterschiedlichste Formen der Entwicklungsstörung personaler Identität geben kann. Sie führen zu narzisstischen Symptomen, Depressionen, Essstörungen, Zwangs-handlungen etc..

 

Mir wäre es demgegenüber wichtig darauf hinzuarbeiten, dass Autismus "...eigentlich nur eine andere neuronale Kultur ist", wie sich Esther Schramm in ihrem Beitrag auf Deutschlandradio ausdrückt. Mit anderen Worten: der Begriff der "Ich-Störung" wäre meines Erachtens mit großer Vorsicht zu gebrauchen. Es scheint sich um so etwas wie eine abweichende personale Verfasstheit zu handeln, wo das "Ich" sozusagen "anders unterwegs" ist, seine Orientierungspunkte in Raum und Zeit anders "aushandelt", als das der (vermeintlich) normale Mensch macht.

 

S: Dem würde ich mich vollständig anschließen! Das Interview gefällt mir ausgesprochen gut, und hier werden deutliche, klare Ich-Bedürfnisse formuliert und vertreten aus einem Verständnis für die eigene Person heraus, wie man gestrickt ist und was einem gut tut. Heißt dies eventuell auch, je mehr ich in dem inneren Anpassungskonflikt gefangen bin, zu versuchen, so zu sein, wie ich denke, dass meine Umgebung dies verlangt, weil ich denke, dass dies notwendig ist – aus einem falschen oder ungenügenden oder fehlenden 'Ich-Verstehen' heraus, desto weniger finde ich einen klaren Zugang und als Folge auch keinen Ausdruck meiner Bedürfnisse? In dem Moment, wenn das 'Ich-Verstehen' sich so, wie nach der Diagnosestellung (höre dazu Esther Schramms Beschreibung...) einstellt und zu mehr Selbstvertrauen führt, ist es mir möglich, klarer meine Bedürfnisse zu identifizieren und dann auch zu äußern/umzusetzen.

 

Was ich an dieser Stelle (der Ausprägung von 'Ich-Identität') auch spannend finde, ist die Arbeit von Peter Levine, der – soweit ich informiert bin - sich wiederum auf die Arbeit von Stephen Porges bezieht und die Entwicklung des zentralen Nervensystems mit der Entwicklung der Fähigkeit in Erregung und wieder in Beruhigung zu kommen in Bezug auf Trauma und Traumaheilung intensiv erforscht hat. Das zentrale Nervensystem ist allen Einflüssen von außen offensichtlich bis einschließlich zum 4. Monat nach der Geburt vollständig schutzlos ausgeliefert, und somit auf einen geschützten, nährenden und konfliktfreien Raum angewiesen, - in der Zeit der Schwangerschaft sowie in den ersten Monaten nach der Geburt. Meine Vermutung (aufgrund eigener Erfahrung als nicht-autistische, aber 'ich-geschwächte' Person) ist die, dass dieser geschützte "Raum" wesentlich ist für die grundlegende Entwicklung eines stabilen 'Ich-Gefühls'. Im eigenen Erleben musste ich zentrale Teile meines eigenen 'Ich-Gefühls' erst rückwärts entdecken, und dies geschah mit intensiver Hilfe von sehr einfühlsamer und (in Bezug auf frühkindliche Entwicklung) gut geschulter Begleitung. Es gab immer die Kombination aus Schutz und Spiegelung, die zu einem rückwärts Entdecken von neuem 'Ich-Anteil' geführt hat und die Wiederentdeckung der auf einer nervlichen Ebene "eingefrorenen" Teile des Verdauungsapparates hat einen ganz zentralen Teil in dem "mich in mir selbst" wiederfinden bzw. entdecken ausgemacht.


 

M: Aber kommen wir auch darauf zurück, dass das "Ich" etwas mit Raumerfahrung zu tun hat und dieser Raum sich auf eine charakteristische Weise herstellen könnte, indem eine bedürfnisorientierte Kommunikation zwischen Kleinkind und Mutter (schon im präverbalen Alter des Kindes) stattfinden kann. Ich sprach von einer "informativen" Erfahrung dieses Raumes für das Kind, dessen Organismus von der sich zuwendenden Person die Nachricht bekommen hat, dass 'es' existiert, als etwas im Raum einzeln Existentes, das dennoch nicht vereinzelt ist, sondern sich über Signale mit anderen Menschen verbinden kann. Diese Möglichkeit der sozusagen positiven Verbindung zu anderen über Austausch von kommunikativen Signalen setzt aber eben voraus, dass diese Signale von dem Bewusstsein des empfangendes Kleinkindes so dekodiert werden können, dass sozusagen eine Stärkung des Gefühls für die eigene "positiv getrennte" Existenz gemacht werden kann (auch das schon präverbale Lernvorgänge der Kommunikation).

Können die Signale aus (sicher bisher nur spekulativ benennbaren) Gründen nicht so empfangen und dekodiert werden, dass eine solche positive Stärkung des Gefühls der Eigenexistenz möglich ist, muss sich das Bewusstsein anders orientieren, um überhaupt irgendwie lebensfähig zu werden, sich andere Informationen als Schlüsselreize für eine sozusagen "autogen" hergestellte Kommunikation mit sich selbst besorgen. Das so entstehende "Ich" kommuniziert also erstmal mit sich selbst (daher das Wort "Autist"....), - weil in der lernenden Informationsverarbeitung der Austausch von Signalen mit der kommunizierenden Außenwelt nur eingeschränkt verarbeitet und verstanden werden konnte.

 

Das "Ich" benötigt also schon in frühester (nur unbewusst erlebter) Ausprägung eine Art innere Positionsbestimmung: Hier bin "Ich", - als existierendes Etwas, das seine eigene (Positions-)-Bestimmung durch Signalaustausch mit anderen Menschen erhält. Erfolgt diese innere Positionsbestimmung aber auf Grund erwähnter Ortungsprobleme nicht an Hand von Kommunikation mit anderen Menschen, sondern durch eine Orientierung des eigenen Bewusstseins auf andere Signalträger (Außenreize von Dingen, Ordnungssysteme wie Zahlen, Töne etc.) hin, unterbleibt eben eine innere Positionsbestimmung, die sich in Bezug auf andere Menschen hin ortet. 

Natürlich bemerkt der Betroffene das Fehlen eines gelungenen Signalaustausches mit anderen Menschen, je nach Stärke der eigenen Betroffenheit, dramatisch heftig oder auch nur sehr dezent, z.B. dadurch, dass er immer wieder nicht verstanden wird, möglicherweise ausgegrenzt oder gemobbt wird. 

 

Mich interessiert aber auch die beschriebene Ersatzorientierung, welche eine eigene innere Ausrichtung hin auf Dinge und andere Signale als die der mitmenschlichen Kommunikation vornimmt, auch aus sozusagen perspektivischen Gründen. Weil diese natürlich gegenüber dem "allzu Menschlichen", welches ja oft auch ein Gefangensein in den immer ähnlichen sich endlos wiederholenden Kommunikationsmechanismen (die ja oft genug auch "Störungen" beinhalten)  bedeutet, eine Chance bietet! Die Orientierung weg von den üblichen Kommunikationsweisen, weg auch von deren Ausrichtung auf Macht und Kontrolle, weg vom Rumeiern in neurotischen Signalwegen, kann dazu führen, zu einem Austausch zwischen Menschen zu gelangen, wo das kommunikative Interesse aneinander erstmal über Sachthemen kanalisiert wird und sozusagen über eine dort entzündete Leidenschaft dann wiederum die Brücke zum Persönlichen, Emotionalen findet. Ohne aber vorher in Mechanismen der Macht und Manipulation üblicher Kommunikationsstrategien verheddert zu werden. Das wäre sozusagen die Utopie autistischer Kommunikation. 

 

Das "Ich" repräsentiert sich ja auch in Form von - ich sage einmal Masken - die sich nicht immer kongruent zu der inneren Wirklichkeit befinden. Vielleicht ist das ein Thema, was noch interessant sein könnte hier zu beleuchten?

 

S: Ich kann vor meinem persönlichen Hintergrund sagen, dass mich dieses Phänomen schon immer irgendwie irritiert hat, ohne dass ich wirklich verstanden habe, was dabei genau der Punkt ist. Es war eher die theoretische Diskussion, die ich verwirrend fand. "Ich" ist für mich immer (subjektiv gefühlt) ausgehend von meinem inneren Erleben gewesen. Wenn ich mich dann in Kontexten sozial verhalten habe (weil ich es musste) habe ich sicherlich deutlich auch Diskrepanz wahrnehmen können zwischen meinem inneren Befinden und dem was ich nach außen darstelle, und insofern kann ich die Bezeichnung Maske verstehen. Jedoch war die Maske für mich nichts Eigenständiges, und eventuell noch nicht einmal etwas erlebt Wichtiges. Sondern das Erleben war immer an die innere Perspektive gekoppelt, und die war wichtig für mich.

 

M: Als Autist orientiere ich mich zunächst im Außen, lieber an Dingen als an Menschen. In diesen Dingen (z.B. Musik oder Zahlenspiele oder Lichtphänomene) finde ich sozusagen meinen Geist, meine geistige Orientierung, wieder. Das Außen ist die Projektionsfläche, anhand derer ich meine Identität bilde: wie gesagt Phänomene, zu denen in der Regel nicht andere Menschen gehören, zunächst einmal jedenfalls!
Insofern ist der Autist nicht jemand, der projiziert, seine Wünsche oder Sehnsüchte oder seinen Ärger durch Konflikte oder Kommunikation mit anderen auslebt. Natürlich gibt es hinter seinem "Ich", das sich eben z.B an Musik orientiert, auch noch eine Befindlichkeit persönlicher Natur, das tiefere Befinden im Sinne von Traurig-Sein oder Fröhlich-Sein etc. Aber diese Befindlichkeiten mache ich als Autist weniger zu meiner 'Ich-Kommunikation' mit anderen, ich verstecke sie meistens. Was nicht heißt, dass man sie mir nicht trotzdem irgendwie anmerken kann. 

 

S: Spannend, diese zwei Perspektiven so gegenübergestellt zu sehen.

 

Menschen benutzen in sozialer Kommunikation oft so etwas wie eine Maske oder eine Rolle, die sie spielen, um das "wahre Ich", die eigentliche Befindlichkeit, zunächst einmal vor der sozialen Situation zu schützen. Für Autisten gibt es aber so eine Maske, eine Rolle, die man spielt nicht und unter anderem deswegen tun sie sich in sozialer Kommunikation so schwer.

 

S: Das spannende für mich an dieser Gegenüberstellung ist, zu verstehen, dass es diese unterschiedlichen Perspektiven gibt, und - in unserem gemeinsamen Gespräch anschließend - dass sich herausgestellt hat, dass es in der "nicht autistischen" Welt offensichtlich auch noch einmal die Unterschiedlichkeit gibt, dass manche Menschen sich mit ihren Masken sehr identifiziert und wohl fühlen und andere - so wie ich oben aus meiner Erfahrung schreibe - eher nicht damit identifiziert sind.

Die Frage, wie entsteht so eine positive Identifizierung mit dem was wir "Masken" genannt haben finde ich wichtig. Meine Einschätzung - weil ich persönlich eine Maske kenne, für die dies zutrifft - ist, dass dies die Folge von spielerischem Entdecken von Rollen ist, das in der frühen Entwicklung vermute ich dann stattfindet, wenn das Kind beginnt, sich aus der engen sicheren Beziehung zu lösen und die Welt zu entdecken. Mit dieser Welt spielerisch umgeht und dabei sicher und mit Freude/Spaß von den Bezugspersonen begleitet wird.

 

M: Das Spielen einer Rolle setzt für das "Ich" eine innere Orientierung, einen Referenzpunkt, voraus, die ein autistischer Mensch nicht in dem nötigen Maße besitzt. Um mich in eine Rolle sozusagen "von mir weg" zu bewegen, brauche ich diesen inneren Referenzpunkt, der sozusagen die Verbindung zu meinem "wahren inneren Selbst" ermöglicht, während ich mich im Rollenspiel der sozialen Kommunikation befinde. Dieser Referenzpunkt ist wirklich so etwas wie ein inneres "Morsen", eine Zeichen, das meine Orientierung in dem Konstrukt der 'Selbst-Identität' ermöglicht. Es ist zu vermuten, dass seine Herausbildung, seine Entwicklung, eben durch die oben erwähnten frühkindlichen Abgrenzungs- und Orientierungsvorgänge entsteht.

 

Hier ist aber meiner supjektiven Einschätzung nach vor Verwirrung zu warnen: Autisten sind meiner Beobachtung nach oft zu vielen Vorgängen, die Psychologen auch als "Mentalisierung" beschreiben, in der Lage. Aber nicht, weil sie andere wirklich lesen, sondern weil sie blitzschnell "desorientieren". Ihr Geist kann sich sozusagen an andere Stellen der Realität, sei es jetzt Dinge oder sei es auch Menschen, bewegen. Ich kann mich hervorragend "in andere hinein begeben", - meinen Geist in diese Person "desorientieren" - und ich fühle mich in dem Moment so, als ob ich die andere Person wäre. Das hat aber auf eine paradoxe Weise nichts damit zu tun, dass ich mich im Sinne von Kommunikation wirklich in die Rolle des anderen hineinversetze und daraus ein soziales Gespräch entwickle. Es ist "einfach" nur die Fähigkeit autistischen Geistes, sich an einen anderen Ort hin zu orientieren. 

 

 

Von vielen Autisten wird berichtet, dass sie kein wirkliches 'Ich-Gefühl' hätten. Woran wird dies bemerkt?

 

M: Zunächst beobachten wir bei Autisten, dass da etwas "anders" ist. Aber was ist da "anders" und ist das etwas, was mit einem Ich-Gefühl zu tun hat? Klar scheint nur zu sein, dass die Perspektive der Wahrnehmung eine andere ist. 'Wahrnehmung' aber hat direkt etwas mit dem Gefühl von Identität/Personalität zu tun, - viele schwierige Begriffe...

 

S: Meine Ich-geprägten Impulse gehen vorrangig von meinen Bedürfnissen aus. Wenn ich mit Klienten gearbeitet habe, habe ich häufig erlebt, dass manche Bedürfnisse gar nicht wahrgenommen oder manchmal vielleicht auch nur nicht geäußert werden. Aus meiner Perspektive (vor dem Hintergrund meiner Ausbildung) stellt die Ausgangsituation eines fehlenden Ich-Erlebens, wenn dies denn so ist (und das fände ich spannend hier näher zu diskutieren), einen wesentlichen Teil des unterschiedlichen Erlebens und Reagierens im Alltag aus, der nicht leicht zu fassen ist.

 

Aber woher kommen 'Ich-Impulse' und wie unterscheiden sich Impulse, die von einem 'Ich-Erleben' gesteuert sind von Impulsen, die ohne dieses klare 'Ich-Erleben' gesteuert sind?

 

S: Meine Einschätzung an dieser Stelle ist, dass Impulse IMMER von einem Bedürfnis herrühren (bzw. instinktivem Drang), weil durch sie auf ganz grundlegender Ebene das eigene Überleben gesichert wird und sie zunächst auch genau diese Funktion haben. Wenn es jedoch (noch) kein 'Ich-Erleben' gibt, dann sind die Impulse, die zu beobachten sind und die sich vermutlich vollständig ohne bewusste Steuerung umsetzen, eventuell die Fährte auf der man zu dem bereits existierenden "Ich" finden könnte. Welches jedoch wahrscheinlich nur wenig bis kaum/gar nicht entwickelt ist. Und dann wäre die Frage, wie und was fördert diese Entwicklung.

 

M: Ein Impuls hin zu etwas, also: etwas zu wollen oder nicht zu wollen, setzt ja voraus, dass vorher auf der Ebene der Wahrnehmung etwas "funktioniert" hat, was zu diesem Impuls führt. Ich fürchte, dass (hier spreche ich aus eigener Betroffenheit), da bei Autisten so Einiges zumindest ganz anders "funktioniert" hat und dieses Andere wiederum dazu führt, dass wir es hier nicht mit den "normalen" Impulsen des Wollens und der Bedürfnisbefriedigung zu tun haben. Weil solche normalen Impulse voraussetzen würden, dass auf einer sehr frühen Ebene eine Informationsverarbeitung stattfinden konnte, die die Wahrnehmung dazu führt, zu wissen, was ein 'EIGENES BEDÜRFNIS' im Sinne dessen, was als "normal" gilt, ist.

 

S: Kannst du Beispiele geben für Impulse, so wie du sie aus autistischer Perspektive wahrnimmst?

 

M: Ich glaube, dass mit entscheidend an autistischer Wahrnehmung (so wie ich sie jedenfalls erlebe) ein Impuls des 'spezifischen Abwendens', des 'Wegdrehens' der Wahrnehmung ist, einer eigenen Wahrnehmung, die vermutlich auf ganz früher Stelle überfordert war oder jedenfalls nicht in der Lage, Informationen so zu verarbeiten, dass ein einfaches 'Hinwenden zu' möglich wäre. Daraus resultieren dann Impulse des "Handelns" oder "Wollens", die sich von der überfordernden Umwelt abwenden. Ich glaube nicht, dass das bereits Ich-Impulse sind, sondern es sind Schutz-Impulse vor Überflutung.

 

S: Das finde ich sehr spannend. Denn das kann ich wiederfinden in meinen Beobachtungen und ich würde sagen, dass genau diese Schutzimpulse auch 'Ich-Impulse' sind, weil sie ein "Ich" schützen, was vermutlich nicht als "Ich" erlebt wird, weil es noch viel zu wenig ausgeprägt und entwickelt ist.

Und ein noch etwas ergänzender Gedanke an dieser Stelle: es macht unter Umständen auch Sinn bei Bedürfnissen eine Unterscheidung zwischen instinktgetriebenen Bedürfnissen und weiter entwickelten Bedürfnissen (hierfür habe ich gerade keinen Namen) zu unterscheiden. Die instinkt-getriebenen Bedürfnisse sind immer mit der direkten Überlebenssicherung verknüpft. Es gibt aber auch andere Bedürfnisse, wie zum Beispiel einen Spaziergang am Meer machen zu wollen, um ihn und die Natur zu genießen oder sich Bewegung zu verschaffen oder ein Eis essen zu wollen. Diese Bedürfnisse sind weniger instinkt-getrieben, sondern eher mit meinem persönlichen Wohlbefinden verknüpft und von Emotionen angetrieben. Und für diese Art von Bedürfnissen braucht es vermutlich ein 'mehr' an 'Ich-Identität' als für rein instinktive Bedürfnisse, die biologisch in uns angelegt sind.

 

Aber was könnte eine (reife) 'Ich-Identität' ausmachen? Was ist ein "Ich"?

 

M: Ich vermute, ein "Ich" bildet sich, neben dem Erleben einer realen Bedürfnisbefriedigung, welches dann wiederum zu einem 'Wollen' weiterer Bedürfnisbefriedigung führt, auch dadurch heraus, dass schon zu einem frühen Zeitpunkt (den wir später diskutieren müssen), so etwas wie ein natürliches Grenzgefühl zur Mutter entwickelt wird. Das Kleinkind beginnt zu registrieren, dass der eigene Erlebensraum von dem der Mutter unterschieden ist und das gerade durch diese Unterscheidung eine 'ich-gesteuerte' Bedürfnisbefriedigung möglich wird. Dieses Gefühl des unterschiedenen Raumes setzt schon vor dem Spracherwerb ein (dies kann ich nur vermuten). Es ist wohl eine Art 'Instinkt', der dem neu heran wachsenden Wesen zu Teil wird, wenn diese Abgrenzung zum "Muttertier" informativ möglich ist.

 

S: Was meinst du mit informativ möglich?  Und – hier bin ich keine Spezialistin, sondern verfüge nur über laienhafte Information: die Phase der Abgrenzung im Sinne von Erleben, dass man getrennt von der Mutter existiert, findet (m.E.) sicher weit vor der Sprachentwicklung statt .

 

Meine momentane Einschätzung zu dem Punkt ist, dass es so etwas wie eine 'Kern-Identität' gibt, die zunächst überhaupt eine 'Ich-Wahr-nehmung' ermöglicht. (Dies lässt sich wiederfinden in der Davis-Theorie). Diese Kernidentität entwickelt sich früh und ist für eine erfolgreiche Entwicklung auf das aller Empfindlichste auf Schutz angewiesen, um sich überhaupt bilden zu können und extrem störanfällig. Ist sie entwickelt, dann folgen daraus klar erlebte 'Ich-Impulse', die die Entwicklung einer Identität weiter anhand von Bedürfnissen vorantreiben, durch die verschiedenen Phasen der kindlichen Entwicklung hindurch.

 

M: Wobei klar zu sein scheint, dass es unterschiedlichste Formen der Entwicklungsstörung personaler Identität geben kann. Sie führen zu narzisstischen Symptomen, Depressionen, Essstörungen, Zwangs-handlungen etc..

 

Mir wäre es demgegenüber wichtig darauf hinzuarbeiten, dass Autismus "...eigentlich nur eine andere neuronale Kultur ist", wie sich Esther Schramm in ihrem Beitrag auf Deutschlandradio ausdrückt. Mit anderen Worten: der Begriff der "Ich-Störung" wäre meines Erachtens mit großer Vorsicht zu gebrauchen. Es scheint sich um so etwas wie eine abweichende personale Verfasstheit zu handeln, wo das "Ich" sozusagen "anders unterwegs" ist, seine Orientierungspunkte in Raum und Zeit anders "aushandelt", als das der (vermeintlich) normale Mensch macht.

 

S: Dem würde ich mich vollständig anschließen! Das Interview gefällt mir ausgesprochen gut, und hier werden deutliche, klare Ich-Bedürfnisse formuliert und vertreten aus einem Verständnis für die eigene Person heraus, wie man gestrickt ist und was einem gut tut. Heißt dies eventuell auch, je mehr ich in dem inneren Anpassungskonflikt gefangen bin, zu versuchen, so zu sein, wie ich denke, dass meine Umgebung dies verlangt, weil ich denke, dass dies notwendig ist – aus einem falschen oder ungenügenden oder fehlenden 'Ich-Verstehen' heraus, desto weniger finde ich einen klaren Zugang und als Folge auch keinen Ausdruck meiner Bedürfnisse? In dem Moment, wenn das 'Ich-Verstehen' sich so, wie nach der Diagnosestellung (höre dazu Esther Schramms Beschreibung...) einstellt und zu mehr Selbstvertrauen führt, ist es mir möglich, klarer meine Bedürfnisse zu identifizieren und dann auch zu äußern/umzusetzen.

 

Was ich an dieser Stelle (der Ausprägung von 'Ich-Identität') auch spannend finde, ist die Arbeit von Peter Levine, der – soweit ich informiert bin - sich wiederum auf die Arbeit von Stephen Porges bezieht und die Entwicklung des zentralen Nervensystems mit der Entwicklung der Fähigkeit in Erregung und wieder in Beruhigung zu kommen in Bezug auf Trauma und Traumaheilung intensiv erforscht hat. Das zentrale Nervensystem ist allen Einflüssen von außen offensichtlich bis einschließlich zum 4. Monat nach der Geburt vollständig schutzlos ausgeliefert, und somit auf einen geschützten, nährenden und konfliktfreien Raum angewiesen, - in der Zeit der Schwangerschaft sowie in den ersten Monaten nach der Geburt. Meine Vermutung (aufgrund eigener Erfahrung als nicht-autistische, aber 'ich-geschwächte' Person) ist die, dass dieser geschützte "Raum" wesentlich ist für die grundlegende Entwicklung eines stabilen 'Ich-Gefühls'. Im eigenen Erleben musste ich zentrale Teile meines eigenen 'Ich-Gefühls' erst rückwärts entdecken, und dies geschah mit intensiver Hilfe von sehr einfühlsamer und (in Bezug auf frühkindliche Entwicklung) gut geschulter Begleitung. Es gab immer die Kombination aus Schutz und Spiegelung, die zu einem rückwärts Entdecken von neuem 'Ich-Anteil' geführt hat und die Wiederentdeckung der auf einer nervlichen Ebene "eingefrorenen" Teile des Verdauungsapparates hat einen ganz zentralen Teil in dem "mich in mir selbst" wiederfinden bzw. entdecken ausgemacht.


 

M: Aber kommen wir auch darauf zurück, dass das "Ich" etwas mit Raumerfahrung zu tun hat und dieser Raum sich auf eine charakteristische Weise herstellen könnte, indem eine bedürfnisorientierte Kommunikation zwischen Kleinkind und Mutter (schon im präverbalen Alter des Kindes) stattfinden kann. Ich sprach von einer "informativen" Erfahrung dieses Raumes für das Kind, dessen Organismus von der sich zuwendenden Person die Nachricht bekommen hat, dass 'es' existiert, als etwas im Raum einzeln Existentes, das dennoch nicht vereinzelt ist, sondern sich über Signale mit anderen Menschen verbinden kann. Diese Möglichkeit der sozusagen positiven Verbindung zu anderen über Austausch von kommunikativen Signalen setzt aber eben voraus, dass diese Signale von dem Bewusstsein des empfangendes Kleinkindes so dekodiert werden können, dass sozusagen eine Stärkung des Gefühls für die eigene "positiv getrennte" Existenz gemacht werden kann (auch das schon präverbale Lernvorgänge der Kommunikation).

Können die Signale aus (sicher bisher nur spekulativ benennbaren) Gründen nicht so empfangen und dekodiert werden, dass eine solche positive Stärkung des Gefühls der Eigenexistenz möglich ist, muss sich das Bewusstsein anders orientieren, um überhaupt irgendwie lebensfähig zu werden, sich andere Informationen als Schlüsselreize für eine sozusagen "autogen" hergestellte Kommunikation mit sich selbst besorgen. Das so entstehende "Ich" kommuniziert also erstmal mit sich selbst (daher das Wort "Autist"....), - weil in der lernenden Informationsverarbeitung der Austausch von Signalen mit der kommunizierenden Außenwelt nur eingeschränkt verarbeitet und verstanden werden konnte.

 

Das "Ich" benötigt also schon in frühester (nur unbewusst erlebter) Ausprägung eine Art innere Positionsbestimmung: Hier bin "Ich", - als existierendes Etwas, das seine eigene (Positions-)-Bestimmung durch Signalaustausch mit anderen Menschen erhält. Erfolgt diese innere Positionsbestimmung aber auf Grund erwähnter Ortungsprobleme nicht an Hand von Kommunikation mit anderen Menschen, sondern durch eine Orientierung des eigenen Bewusstseins auf andere Signalträger (Außenreize von Dingen, Ordnungssysteme wie Zahlen, Töne etc.) hin, unterbleibt eben eine innere Positionsbestimmung, die sich in Bezug auf andere Menschen hin ortet. 

Natürlich bemerkt der Betroffene das Fehlen eines gelungenen Signalaustausches mit anderen Menschen, je nach Stärke der eigenen Betroffenheit, dramatisch heftig oder auch nur sehr dezent, z.B. dadurch, dass er immer wieder nicht verstanden wird, möglicherweise ausgegrenzt oder gemobbt wird. 

 

Mich interessiert aber auch die beschriebene Ersatzorientierung, welche eine eigene innere Ausrichtung hin auf Dinge und andere Signale als die der mitmenschlichen Kommunikation vornimmt, auch aus sozusagen perspektivischen Gründen. Weil diese natürlich gegenüber dem "allzu Menschlichen", welches ja oft auch ein Gefangensein in den immer ähnlichen sich endlos wiederholenden Kommunikationsmechanismen (die ja oft genug auch "Störungen" beinhalten)  bedeutet, eine Chance bietet! Die Orientierung weg von den üblichen Kommunikationsweisen, weg auch von deren Ausrichtung auf Macht und Kontrolle, weg vom Rumeiern in neurotischen Signalwegen, kann dazu führen, zu einem Austausch zwischen Menschen zu gelangen, wo das kommunikative Interesse aneinander erstmal über Sachthemen kanalisiert wird und sozusagen über eine dort entzündete Leidenschaft dann wiederum die Brücke zum Persönlichen, Emotionalen findet. Ohne aber vorher in Mechanismen der Macht und Manipulation üblicher Kommunikationsstrategien verheddert zu werden. Das wäre sozusagen die Utopie autistischer Kommunikation. 

 

Das "Ich" repräsentiert sich ja auch in Form von - ich sage einmal Masken - die sich nicht immer kongruent zu der inneren Wirklichkeit befinden. Vielleicht ist das ein Thema, was noch interessant sein könnte hier zu beleuchten?

 

S: Ich kann vor meinem persönlichen Hintergrund sagen, dass mich dieses Phänomen schon immer irgendwie irritiert hat, ohne dass ich wirklich verstanden habe, was dabei genau der Punkt ist. Es war eher die theoretische Diskussion, die ich verwirrend fand. "Ich" ist für mich immer (subjektiv gefühlt) ausgehend von meinem inneren Erleben gewesen. Wenn ich mich dann in Kontexten sozial verhalten habe (weil ich es musste) habe ich sicherlich deutlich auch Diskrepanz wahrnehmen können zwischen meinem inneren Befinden und dem was ich nach außen darstelle, und insofern kann ich die Bezeichnung Maske verstehen. Jedoch war die Maske für mich nichts Eigenständiges, und eventuell noch nicht einmal etwas erlebt Wichtiges. Sondern das Erleben war immer an die innere Perspektive gekoppelt, und die war wichtig für mich.

 

M: Als Autist orientiere ich mich zunächst im Außen, lieber an Dingen als an Menschen. In diesen Dingen (z.B. Musik oder Zahlenspiele oder Lichtphänomene) finde ich sozusagen meinen Geist, meine geistige Orientierung, wieder. Das Außen ist die Projektionsfläche, anhand derer ich meine Identität bilde: wie gesagt Phänomene, zu denen in der Regel nicht andere Menschen gehören, zunächst einmal jedenfalls!
Insofern ist der Autist nicht jemand, der projiziert, seine Wünsche oder Sehnsüchte oder seinen Ärger durch Konflikte oder Kommunikation mit anderen auslebt. Natürlich gibt es hinter seinem "Ich", das sich eben z.B an Musik orientiert, auch noch eine Befindlichkeit persönlicher Natur, das tiefere Befinden im Sinne von Traurig-Sein oder Fröhlich-Sein etc. Aber diese Befindlichkeiten mache ich als Autist weniger zu meiner 'Ich-Kommunikation' mit anderen, ich verstecke sie meistens. Was nicht heißt, dass man sie mir nicht trotzdem irgendwie anmerken kann. 

 

S: Spannend, diese zwei Perspektiven so gegenübergestellt zu sehen.

 

Menschen benutzen in sozialer Kommunikation oft so etwas wie eine Maske oder eine Rolle, die sie spielen, um das "wahre Ich", die eigentliche Befindlichkeit, zunächst einmal vor der sozialen Situation zu schützen. Für Autisten gibt es aber so eine Maske, eine Rolle, die man spielt nicht und unter anderem deswegen tun sie sich in sozialer Kommunikation so schwer.

 

S: Das spannende für mich an dieser Gegenüberstellung ist, zu verstehen, dass es diese unterschiedlichen Perspektiven gibt, und - in unserem gemeinsamen Gespräch anschließend - dass sich herausgestellt hat, dass es in der "nicht autistischen" Welt offensichtlich auch noch einmal die Unterschiedlichkeit gibt, dass manche Menschen sich mit ihren Masken sehr identifiziert und wohl fühlen und andere - so wie ich oben aus meiner Erfahrung schreibe - eher nicht damit identifiziert sind.

Die Frage, wie entsteht so eine positive Identifizierung mit dem was wir "Masken" genannt haben finde ich wichtig. Meine Einschätzung - weil ich persönlich eine Maske kenne, für die dies zutrifft - ist, dass dies die Folge von spielerischem Entdecken von Rollen ist, das in der frühen Entwicklung vermute ich dann stattfindet, wenn das Kind beginnt, sich aus der engen sicheren Beziehung zu lösen und die Welt zu entdecken. Mit dieser Welt spielerisch umgeht und dabei sicher und mit Freude/Spaß von den Bezugspersonen begleitet wird.

 

M: Das Spielen einer Rolle setzt für das "Ich" eine innere Orientierung, einen Referenzpunkt, voraus, die ein autistischer Mensch nicht in dem nötigen Maße besitzt. Um mich in eine Rolle sozusagen "von mir weg" zu bewegen, brauche ich diesen inneren Referenzpunkt, der sozusagen die Verbindung zu meinem "wahren inneren Selbst" ermöglicht, während ich mich im Rollenspiel der sozialen Kommunikation befinde. Dieser Referenzpunkt ist wirklich so etwas wie ein inneres "Morsen", eine Zeichen, das meine Orientierung in dem Konstrukt der 'Selbst-Identität' ermöglicht. Es ist zu vermuten, dass seine Herausbildung, seine Entwicklung, eben durch die oben erwähnten frühkindlichen Abgrenzungs- und Orientierungsvorgänge entsteht.

 

Hier ist aber meiner supjektiven Einschätzung nach vor Verwirrung zu warnen: Autisten sind meiner Beobachtung nach oft zu vielen Vorgängen, die Psychologen auch als "Mentalisierung" beschreiben, in der Lage. Aber nicht, weil sie andere wirklich lesen, sondern weil sie blitzschnell "desorientieren". Ihr Geist kann sich sozusagen an andere Stellen der Realität, sei es jetzt Dinge oder sei es auch Menschen, bewegen. Ich kann mich hervorragend "in andere hinein begeben", - meinen Geist in diese Person "desorientieren" - und ich fühle mich in dem Moment so, als ob ich die andere Person wäre. Das hat aber auf eine paradoxe Weise nichts damit zu tun, dass ich mich im Sinne von Kommunikation wirklich in die Rolle des anderen hineinversetze und daraus ein soziales Gespräch entwickle. Es ist "einfach" nur die Fähigkeit autistischen Geistes, sich an einen anderen Ort hin zu orientieren. 

 

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